Urbanes Quartier Herrenwiesen Süd

Mitmachen beim Zukunfts-Quartier: Im Rahmenplan-Verfahren gab es auch einen großen Kinder- und Jugendworkshop.
Mitmachen beim Zukunfts-Quartier: Im Rahmenplan-Verfahren gab es auch einen großen Kinder- und Jugendworkshop.

Ein Filetgrundstück der Innenentwicklung: Die Idee, die aufgelassene Gewerbebrache entlang der Gleise in den Herrenwiesen als ein Projekt der Landesgartenschau zu entwickeln, geht auf das Jahr 2017 zurück, das Jahr der 1. Bewerbung. Seither gilt die Entwicklung des einstigen Sägewerksareal zum lebendigen Innenstadtquartier als ein Teilprojekt und wichtige Daueranlage der Landesgartenschau. Im Jahr 2018 konnte die Stadt das Areal erwerben.

Mit der positiven Bewilligung unseres Antrages im Programm „Flächen gewinnen durch Innenentwicklung“ nahm die Konzeptfindung Fahrt auf. Gemeinsam mit dem Büro Astoc architects and planers aus Karlsruhe hat das Stadtbauamt einen Prozess gestaltet, in dem Vertreterinnen und Vertreter der politischen Fraktionen und Verwaltungs-Fachämter gemeinsam ein Strukturkonzept entwickelten, in das auch die Bürgerschaft immer wieder Einblicke bekam. In vier Werkstätten in den Jahren 2024 und 2025 wurde offen und auf Augenhöhe diskutiert. Ein besonderes Highlight war der Workshop mit den Kindern und Jugendlichen im Jugendhaus Marabu.

Der Rahmenplan

Das brachliegende und weitgehend versiegelte Areal erfährt eine räumliche Neuordnung in Flächen für Bauen, Mobilität und Grün, die den Anforderungen an eine lebenswerte und resiliente Stadt gerecht wird. Im Folgenden werden die räumliche Struktur sowie die zentralen Aspekte der Planung Funktionen, Freiraum & Klima und Mobilität vorgestellt. Hinter uns liegt ein erfolgreicher Prozess der Planung und Planungskultur. Im Sinne einer kollektiven Autoren- und Autorinnenschaft nahm die städtebauliche Figuration und inhaltliche Ausrichtung des neuen Quartiers Herrenwiesen Süd sukzessive Gestalt an. Gemeinsam mit viel lokaler und fachlicher Expertise haben wir den Rahmenplan entwickelt.

Räumliche Struktur: Die Grundstücksgeometrie und das klare Bekenntnis zu einer heterogenen, urbanen und autoarmen Stadtstruktur machen die Herrenwiesen zu einer strukturellen Her­ausforderung und tragen im Ergebnis aber sicher wesentlich zur Qualität des Quartiers bei. Im westlichen Bereich setzt die gemein­schaftlich entwickelte Struktur mit einem Punktbaukörper und einer etwas niedrige­ren Zeile einen klaren Auftakt des Quartiers. Der Hochpunkt wirkt als Signal sowohl für Bahnreisenden wie auch für die Autofah­renden auf der B 290. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, ist in diesem Zusam­menhang die Ausbildung eines abgelösten, vertikalen Hochpunktes wichtig, der erdge­schossig aber durchaus mit der folgenden Zeile verbunden sein kann. Im Folgenden schließen drei Wohnzeilen an, die aufgrund der komplexen Schallsituation giebelseitig zur Bahn stehen. So entstehen Taschen, in denen trotz des Umfeldes intimere Wohn­situationen geschaffen werden können. Bei einer entsprechenden Grundrissgestaltung sind süd-ost-ausgerichtete Wohnungen mit Blick auf die Altstadtsilhouette möglich.

Der zentrale Bereich wird strukturell von einer Platzsituation geprägt, die Zentrum und Identifikationsraum der Herrenwiesen sein kann. Hierfür ist es wichtig kurzfristig einen Grundstücksteil der Bahn hinzuzuge­winnen, und mittelfristig das Trafohaus als Identitätsanker mit einer Sondernutzung zu versehen. Da die räumliche Fassung und die funktionale Bespielung des Platzes im Wesentlichen durch den MobilityHub ge­leistet wird, ist dessen Ausbildung von ent­scheidender Bedeutung. Hierbei ist vor allem auf eine frequenzbringende Nutzung des Erdgeschosses zum Platz hin und auf eine ansprechende Fassadengestaltung zu achten. Nördlich davon bildet eine noch architektonisch zu definierende Bebauung den Auftakt und vor allem den Übergang zur Straße Beim Ölsteg und die nördlichen Quartiere. Bei diesem Baukörper ist besonders auf die architektonische Qualität und die und die stadträumliche Funktion zu achten. Im westlichen Anschluss folgen Gewerbe und Mischbaukörper, die aufgrund ihrer Struktur sehr vielseitig ausformuliert werden können. Der westliche Auftakt um die Wachbach­terrassen ist ein vom Freiraum geprägter Brückenkopf zur Innenstadt, der mit dem Jugendhaus und dem Heizkraftwerk eher kleintei­lige und pavillonartige Baukörper vorsieht, die im Kontext der Landesgartenschau 2024 das Zusammen­spiel von Freiräumen und Gebäude the­matisieren. Im Norden besteht die Option eines etwas höheren Zeilenbaukörpers, der perspektivisch das Mittelstandszentrum zu einem Campus erweitern könnte.

Funktionen: Ein wesentliches Merkmal urbaner Quar­tiere ist die Funktionsmischung, die sie ge­genüber oft sehr homogenen suburbanen Quartiere abgrenzt. Die in den Werkstätten erarbeiteten funktionalen Setzungen erge­ben sich meist aus dem Kontext und den Bedarfen und Talenten in den jeweiligen Si­tuationen.

Aufgrund der emissionsbelasteten Lage und der grundstücksbedingten Ausrichtung zur Bahn kommen am westlichen Stadtein­gang eher temporäre Wohnformen in Frage. Die Sichtbarkeit von Straße und Bahn legt eine Nutzung als Boardinghouse oder Ho­tel nahe. Eine Trennung der Funktionen in Punkt- und Zeilenbaukörper ist dabei durch­aus möglich. Im Anschluss dazu wäre eine Nutzung als Geschosswohnen (3-Spänner) vorstellbar.

Der MobilityHub sollte unbedingt als mehr als ein reines Parkhaus werden. Die Erdge­schosszone sollte mit Frequenzbringenden Nutzungen belegt werden, die die Idee der Quartiersmitte stärken und ein entspre­chendes Angebot vorhalten. Der nördliche Baukörper an der Schnittstelle zur Straße Beim Ölsteg sollte gemischtgenutzt werden und die (funktionale) Brücke zu den Herrenwiesen herstellen. Da diesem Baukörper eine Torf­unktion zukommt, ist neben seiner archi­tektonischen Gestaltung auch auf geeignete Nutzungen zu achten, die der Auftaktsituation gerecht werden. Das denkmalgeschützte Stellwerk als Zen­trum des Quartiersplatzes sollte eine seiner Form und Historie entsprechende Nutzung erhalten. Hier wären eine Ausstellungs- oder eine Mobilitätsnutzung vorstellbar.

Der angrenzende Zeilenbaukörper könnte aufgrund seiner Lage am Quartiersplatz im Erdgeschoss eine Gastronomie- oder Versorgungsnutzung haben. In den Ober­geschossen sind Gewerbe oder Dienst­leistungsfunktionen denkbar. Wohnnut­zungen in den oberen Geschossen sind konzeptionell denkbar, aber aufgrund der Schallbelastungen der Bahn unwahr­scheinlich. Im angrenzenden L-förmigen Baukörper ist im westlichen Gebäude­teil eine Wohnnutzung bei entsprechender Grundrissgestaltung möglich, auch Sonder­wohnformen wie z. B. Studierenden- oder Seniorenwohnen sind hier im Sinne einer demografischen Mischung wünschenswert. Im Sockelbereich könnte in Ergänzung dazu eine KiTa wirtschaftlich untergebracht wer­den. Der vorgeschlagene Zeilenbaukörper gegenüber dem Mittelstandszentrum eignet sich aufgrund seiner Flexibilität und seines Volumens für Bildungs- oder Dienstleistungsnutzun­gen. Die pavillonartigen Strukturen an den Wachbachterrassen sind für Versorgungs-, Jugend- und Freizeiteinrichtungen geeignet. Im Rahmen der Landesgartenschau bestünde hier auch der Raum für entsprechende Ex­perimente.

Freiraum & Klima: In der zeitgenössischen Quartiersplanung spielen Klimaanpassungsmaßnahmen wie Entsiegelung, Begrünung, Vorhalten von Biodiversitätsflächen und das Wasserma­nagement eine zentrale Rolle. Vor allem im Hinblick auf die nördlich angrenzenden Gewerbeflächen, die einen hohen Versiege­lungsgrad aufweisen und die Wachbach als blauer Infrastruktur kommt diesem Aspekt höchste Bedeutung zu. Die Konversion der Herrenwiesen bietet die Gelegenheit um­fangreich zu begrünen und zu Bepflanzen.

Die Grünstruktur bildet so das Rückgrat des Entwurfs. Große versiegelte Flächen oder offene Parkplätze werden weitgehend ver­mieden. Der zentrale Quartiersplatz ist als versickerungsfähige Oberfläche gedacht, die durch Baumpflanzungen verschattet wird. Das Risiko der Bildung von Hitzeinseln wird so minimiert und die Verdunstungsküh­le der Bepflanzungen wird das Mikroklima regulieren. Im Bereich des Klimawaldes wird die existierende Bepflanzung erhalten und eine Retention ermöglicht. In diesem Bereich sind auch die notwendigen Biodi­versitätsflächen vorhanden.

Ein wesentlicher Aspekt der blaugrü­nen Infrastruktur ist die Wachbach mit den Wachbachterrassen. Mit Hilfe der Landesgartenschau 2034 könnte ein enorm attraktiver Außenraum entstehen, der einerseits im Osten die gewünschten Frei­zeitmöglichkeiten gerade für Kinder und Jugendliche vorsieht, andererseits durch eine entspre­chende Gestaltung und Bepflanzung einen naturnahen Gewässerraum in die Stadt bringt. Dieses Motiv soll zur Landesgartenschau ins­talliert werden und weit darüber hinaus als Auftakt der Herrenwiesen wirksam bleiben.

Mobilität: Die Mobilität ist eines der prägendsten Ele­mente eines Quartiers. Im zweiten Work­shop wurde dieses Thema daher zum zentralen entwurfsprägenden Element und in unterschiedlichen räumlichen Szenarien dargestellt. Aus diesem Workshop ging sehr klar der Wunsch hervor, ein „autofreies“ Quartier zu konzipieren.

Dieser Wunsch hat sich in der Verifizierung und der Plausibili­tätsprüfung zu einem „autoarmen“ Quartier entwickelt. Das bedeutet, dass der mobile Individual­verkehr eingeschränkt Zufahrt zum Gebiet hat. Ver- und Entsorgungsfahr­ten sowie Liefer- und Blaulichtverkehre haben die Möglichkeit jeden Punkt des Quartiers zu erreichen. Das Abstellen der Fahrzeuge sowie der Umstieg auf andere Mobilitätsfor­men ist an zentraler Stelle im MobilityHub vorgesehen. Tiefgaragen sind geologisch und technisch bedingt nicht möglich, das Parken im Stadtraum ist nicht gewünscht. Auf­grund der exzellenten Anbindung an den Öffentlichen Personennahverkehr sowie des strategisch günstig gele­genen MobilityHubs sind die Herrenwiesen hervorragend erschlossen. Eine Zufahrt im Westen ist für die Hotel-/ Boardingnutzung möglich, eine Durchfahrt des Gebiets nach Osten ist in einer ersten Ausbaustufe nicht möglich.

Neben dem Fußverkehr ist von besonderer Bedeutung der Fahrradverkehr. Ein Fahrradkorridor für eine zukünftige übergreifende Ost-West-Verbin­dung ist vorgesehen und der Anschluss an die Innenstadt im Bereich der Wachbach­terrassen etabliert.

Städtebauliche Kennziffern

Plangebietsgröße

(Kerngebiet + Erweiterungen)

24.700 m2

Nettobauland Wohnen

4.800 m2

Nettobauland Gewerbe

4.100 m2

Nettobauland Mischnutzung

3.600 m2

Nettobauland Soziale Einrichtungen

800 m2

Öffentliche Infrastrukturbauten

3.300 m2

Öffentliche Verkehrs- und Platzflächenflächen

5.400 m2

Öffentliche Grünflächen

2.700 m2

Bruttogrundfläche Wohnen

9.000 m2

Bruttogrundfläche Gewerbe

7.300 m2

Bruttogrundfläche Mischnutzung

4.800 m2

Geschossflächenzahl gesamt

1,2

Grundflächenzahl gesamt

0,4

Die nächsten Schritte

Hinter uns liegt ein erfolgreicher Prozess der Planung und Planungskultur. Im Sinne einer kollektiven Autoren- und Autorinnenschaft nahm die städtebauliche Figuration und inhaltliche Ausrichtung des neuen Quartiers Herrenwiesen Süd sukzessive Gestalt an. Gemeinsam mit viel lokaler und fachlicher Expertise haben wir den Rahmenplan entwickelt. Am 20.05.2025 wurde der Rahmenplan einstimmig vom Gremium verabschiedet. Die Verwaltung wurde beauftragt den Bebauungsplan „Urbanes Gebiet Herrenwiesen Süd“ auf Grundlage des Rahmenplanes aufzustellen. Im Herbst 2025 startete das Bebauungsplanverfahren. Ende 2026/ Anfang 2027 soll es idealerweise abgeschlossen sein, sodass schrittweise die Realisierung des Quartiers erfolgen kann. Weitere planerische Schritte sind die Durchführung von Wettbewerbsverfahren und Objektplanungen.


Die Erstellung des städtebaulichen Rahmenplans wurde gefördert durch das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg im Rahmen des Förderprogramms „Flächen gewinnen durch Innenentwicklung“.