Mahdia Hossaini: Wo lesen Sie Ihre Bücher?

Veröffentlicht am Donnerstag, 27. August 2026
"Nichts Besonderes geschieht – und vielleicht ist es gerade das, was ich daran so liebe." (Foto: Mahdia Hossaini)
"Nichts Besonderes geschieht – und vielleicht ist es gerade das, was ich daran so liebe." (Foto: Mahdia Hossaini)

Auch in Bad Mergentheim leben viele Geflüchtete. Damit deren Integration gelingt, braucht es sowohl Interesse aneinander als auch die Offenheit, sich kennenlernen zu wollen. Gemeinsam mit der städtischen Integrationsbeauftragten Kornelia Perleth möchten wir neben vielen konkreten Projekten und Veranstaltungen auch Raum für Texte geben, damit Geflüchtete ihre Geschichte erzählen können. Und zugleich davon berichten, welche Hoffnungen sie mit Bad Mergentheim verbinden, wie sie sich einbringen möchten und wo sie nach mehr Miteinander suchen.

Dafür schreibt an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen die afghanisch-stämmige Autorin und Bloggerin Mahdia Hossaini, die im Iran aufwuchs und seit 2023 in der Bad Mergentheimer Kernstadt lebt. (Teil 12)


Wo lesen Sie Ihre Bücher? 

Von Mahdia Hossaini

Das Buch, das ich in diesem Sommer lese, war ein Geschenk. Es heißt "Wo Frauen ihre Bücher lesen". 

Der Titel hat mich angesprochen, doch als ich zu lesen begann, ertappte ich mich dabei, gedanklich etwas abzuschweifen. Ich dachte nicht nur daran, was wir lesen, sondern auch daran, wo wir lesen.

In diesem Sommer habe ich auf unserem Balkon gelesen.

Neben mir stehen die Blumen meiner Mutter, um die sie sich so geduldig kümmert. Sie gießt sie, pflegt sie und bemerkt jede neue Blüte. Ich sitze mit meinem Buch da, während die Blumen neben mir wachsen. Nichts Besonderes geschieht – und vielleicht ist es gerade das, was ich daran so liebe.

Da habe ich mich gefragt: Wo lesen Menschen in Bad Mergentheim ihre Bücher?

Vielleicht liest jemand jeden Morgen im Kurpark. Andere haben vielleicht ein Lieblingscafé, in dem sie mit einem Buch und einer Tasse Kaffee sitzen. Vielleicht lesen Sie in Ihrem Garten, auf einer Parkbank oder im Zug, wenn es in der Stadt ruhig geworden ist.

Und vielleicht lesen Sie überhaupt nicht. Auch das ist völlig in Ordnung. Vielleicht wartet einfach irgendwo ein Buch auf den richtigen Augenblick.

In den vergangenen Wochen gab es in unserer Stadt so viele Gelegenheiten zusammenzukommen. Im Kurpark, beim Sommerfest, auf unseren Straßen und Plätzen. Wir treffen Menschen, die wir kennen, und manchmal auch Menschen, denen wir noch nie begegnet sind. Wir reden, lachen, hören einander zu und teilen für eine Weile denselben Ort und denselben Augenblick.

Bücher können etwas Ähnliches bewirken.

Wir sitzen vielleicht alleine da mit einem Buch in den Händen, aber auf eine gewisse Weise sind wir nie ganz allein. Wir betreten die Welt eines anderen Menschen. Wir begegnen anderen Lebensgeschichten, anderen Gedanken und anderen Sichtweisen. Manchmal erkennen wir etwas von uns selbst darin. Manchmal entdecken wir etwas völlig Unbekanntes. Beides kann uns einander ein wenig näherbringen.

Sehr anschaulich hat dies die polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk ausgedrückt:

„ Unter allen Gattungen von Lebewesen ist nur dem Menschen die Fähigkeit des Lesens gegeben – und damit die Möglichkeit, die vorgefundene Realität, jedenfalls im Geiste und für eine gewisse Zeit, zu verlassen. Jedes Mal, wenn wir ein Buch aufschlagen, vollzieht sich zwischen Auge und Papier etwas Außerordentliches, eine Art Wunder. Wir sehen Reihen von Buchstaben, und wenn wir unseren Blick darüber gleiten lassen, verwandelt unser Gehirn sie in Bilder, Gedanken, Gerüche, Stimmen.“
(Aus: Finger im Salz oder Kurze Geschichte meines Lesens)

Schreiben Sie uns und erzählen Sie uns von Ihrem Lieblingsort zum Lesen. Vielleicht ist es ein besonderer Ort in Bad Mergentheim. Vielleicht liegt er auch weit entfernt.

Und noch etwas: Der Titel meines Buches lautet "Wo Frauen ihre Bücher lesen". Diese Einladung richtet sich natürlich keineswegs nur an Frauen. Auch Männer sind herzlich eingeladen, uns zu schreiben. Erzählen Sie uns, wo Sie lesen, an welchem Ort Sie gerne ein wenig länger verweilen – oder vielleicht einfach, welches Buch Sie in letzter Zeit begleitet hat.

Denn letztlich geht es gar nicht so sehr darum, wer liest oder welches Buch wir in den Händen halten.

Es geht um die Geschichten, die wir in uns tragen, um die Orte, an denen wir sie finden, und um die Augenblicke, in denen diese Geschichten uns einander ein wenig näherbringen.

Ich wünsche Ihnen allen einen schönen Sommer – mit viel Zeit für die kleinen Freuden des Lebens, für gute Gespräche und vielleicht auch für ein gutes Buch.

Und vielleicht sehe ich Sie ja irgendwo in unserer Stadt – mit einem Buch in der Hand.


Mahdia Hossaini freut sich über Ihre Nachricht: integration@bad-mergentheim.de


Veranstaltungen mit Mahdia Hossaini bei den Literaturtagen

Ich weiß noch, das war…! Erzählworkshop

Wandeln & hören: Lyriknacht im Stadtkloster