Mahdia Hossaini: Neues Jahr, neues Ich?

Veröffentlicht am Donnerstag, 15. Januar 2026
Dieses Werk von Shamsia Hassani (einer afghanischen Graffiti-Künstlerin, die ihre Porträts Frauen widmet, die von den Taliban bedroht werden) zeigen wir mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin zu Mahdia Hossainis Text.
Dieses Werk von Shamsia Hassani (einer afghanischen Graffiti-Künstlerin, die ihre Porträts Frauen widmet, die von den Taliban bedroht werden) zeigen wir mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin zu Mahdia Hossainis Text.

Auch in Bad Mergentheim leben viele Geflüchtete. Damit deren Integration gelingt, braucht es sowohl Interesse aneinander als auch die Offenheit, sich kennenlernen zu wollen. Gemeinsam mit der städtischen Integrationsbeauftragten Kornelia Perleth möchten wir neben vielen konkreten Projekten und Veranstaltungen auch Raum für Texte geben, damit Geflüchtete ihre Geschichte erzählen können. Und zugleich davon berichten, welche Hoffnungen sie mit Bad Mergentheim verbinden, wie sie sich einbringen möchten und wo sie nach mehr Miteinander suchen.

Dafür schreibt an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen die afghanisch-stämmige Autorin und Bloggerin Mahdia Hossaini, die im Iran aufwuchs und seit 2023 in der Bad Mergentheimer Kernstadt lebt. (Teil 9)


Neues Jahr, neues Ich?

Von Mahdia Hossaini

Der Beginn eines neuen Jahres kommt oft mit einer leisen Botschaft.
Neues Jahr, neues Ich.
Ich verstehe, warum man das sagt,
es klingt hoffnungsvoll.
Aber es belastet auch.
Ich tue mich schwer damit.

Nicht weil Veränderung falsch wäre. Natürlich nicht.
Wir alle wünschen uns, dass Dinge sich ändern,
sich positiv entwickeln, sich in eine bessere Richtung bewegen.

Aber der Satz birgt noch etwas anderes in sich.
Als wäre die Person, die du jetzt bist, nicht gut genug,
um sie in die kommenden Monate mitzunehmen.

Das glaube ich nicht.
Was dich jetzt ausmacht, ist nicht aus dem Nichts entstanden.
Es ist das Ergebnis eines ganzen Jahres.
Davon, da gewesen zu sein.
Dinge durchgestanden zu haben.
Geblieben zu sein, auch wenn es nicht leicht war.

Die meisten Jahre beginnen nicht mit großen Veränderungen.
Sie beginnen mit dem Weitergehen.
Mit denselben Wegen.
Denselben Gewohnheiten.
Denselben Orten, an denen sich Türen öffnen wie immer.
Du gehst hinein, und jemand sagt:
„Schön, dich auch dieses Jahr zu sehen.“

Ja.
Wir sind noch hier.
Weitermachen heißt, nicht zurückzubleiben.
So bewegt sich das Leben immer weiter voran.

Wir leben in einer Welt, deren Last uns bereits niederdrückt.
Kriege enden nicht, nur weil die Jahreszahl sich ändert.
Ungerechtigkeit macht keine Pause an Feiertagen.
Die Nachrichten belasten uns nicht weniger. Unsere Gedanken auch nicht.
All das tragen wir in unseren Alltag hinein.

Und trotzdem bietet das Leben kurze Augenblicke:
Ein Gespräch , das während des Wartens beginnt.
Im Zug. In einer Schlange. An einem Tisch.
Mit jemandem, den du zufällig getroffen hast,
den du wahrscheinlich nie wiedersehen wirst.

Manchmal ist es nur ein Satz.
Eine Art und Weise, auf etwas zu schauen,
an dem du hundertmal vorbeigegangen bist,
ohne es wahrzunehmen.

Du willst einen Film sehen.
Eine Ausstellung. An einer Diskussion teilnehmen.
Und jemand erläutert ein Detail,
das für dich bisher bedeutungslos war.
Nicht weil du unaufmerksam warst,
sondern weil es aus anderen Lebenserfahrungen stammt, 
mit anderem Hintergrund
anderen Erinnerungen,
einem anderen Weg, die Welt zu sehen.

Und plötzlich weißt du etwas, das du vorher nicht wusstest.
Und andere ebenso.
Dieser Austausch wird zu etwas Kostbarem.

Wenn du kurz innehältst,
erinnerst du dich wahrscheinlich an einen solchen Moment.
Vielleicht ist dieser Gedanke dir beim Lesen schon in den Sinn gekommen.
So eröffnen sich neue Perspektiven.
So bewegen wir uns die meiste Zeit vorwärts.

In der heutigen Welt  drängt uns alles nach vorne.
Schneller, weiter, mehr.
Aber manchmal ist es das Wichtigste, auf seinen eigenen Rhythmus zu bestehen.
Wir kommen meist nicht voran, indem wir uns neu erfinden.
Wir kommen voran, indem wir offen bleiben.
So lange, dass uns etwas Neues erreichen kann.

Vielleicht braucht dieses Jahr keinen neuen Entwurf von dir.
Vielleicht braucht es dich so, wie du bist.
So, wie du da stehst.
Du schaust genau hin.
Du lässt zu,  dass dein Leben in Zukunft mehr Perspektiven bekommt.

Und vielleicht ist das genug für den Jahresanfang.
Kein neuer Entwurf  von uns.
Nur ein bisschen mehr Raum, um Neues wahrzunehmen.

Kontakt zu Mahdia Hossaini: integration@bad-mergentheim.de