Mahdia Hossaini: In der Tauberphilharmonie

Dafür schreibt an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen die afghanisch-stämmige Autorin und Bloggerin Mahdia Hossaini, die im Iran aufwuchs und seit 2023 in der Bad Mergentheimer Kernstadt lebt. (Teil 10)
In der Tauberphilharmonie Weikersheim
Ein ruhiger und schöner Abend
Von Mahdia Hossaini
Es war ein wunderschöner Abend.
Ich habe ihn genossen.
Ich war ganz da, in der Musik, im Augenblick.
Für mich sind solche Momente jedoch immer zwiespältig
Irgendwo zwischen den Lichtern und den Klängen
öffnet sich eine Tür,
und ich bewege mich zwischen zwei Welten,
ohne dass es jemand bemerkt.
Eine dieser Welten ist die, in der ich jetzt lebe,
noch versuche, die Regeln zu lernen,
noch versuche zu erahnen, was geht und was nicht.
Die andere ist die, die in mir lebt,
die, in der das Leben klarer war,
in der selbst die einfache Entscheidung, was ich anziehe,
für mich nie eine Frage war.
Daheim stand ich da und dachte über meine Schuhe nach.
High Heels oder flach?
Eigentlich etwas ganz Einfaches, oder?
Und auf einmal, als ich dann dort allein stand,
ertappte ich mich fast lachend bei dem Gedanken,:
„Ich hätte High Heels anziehen sollen.“
Nicht wegen der Schuhe natürlich.
Sondern weil ich mich für einen kurzen Moment
klein fühlte.
Nicht weniger wert als die anderen,
nicht weil es mir an Selbstvertrauen mangelte,
Ich fühlte mich einfach nicht ganz am richtigen Platz.
Wie wenn man nicht den richtigen Ton trifft
in einem Lied, das alle anderen auswendig kennen.
Niemand sagte etwas.
Niemand musste etwas sagen.
Eigentlich geht es gar nicht um die anderen.
Es ist nur dieses Gefühl, dass man vielleicht seinen Platz noch sucht,
während andere ganz selbstverständlich auf ihrem Platz stehen.
Und das geht so weiter, treibt mich um,
in einem fort,
Vergangenheit und Gegenwart,
Gewissheit und Zweifel.
Bis die Nacht vorbei ist.
Und dann, plötzlich, fügt sich alles,
nicht im Körper, nicht im Herzen,
sondern im Kopf.
Eine Art Müdigkeit.
Und so werde ich still.
Nicht, weil ich die Nacht nicht genossen hätte,
sondern weil ich einen Augenblick brauche,
um, was gerade war,
um, wo ich gerade war,
wieder zusammenzusetzen,
Stück für Stück.
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