Literaturtage: Mit Meike Rötzer auf den „Zauberberg“

Veröffentlicht am Mittwoch, 23. September 2026
Meike Rötzer nahm den Saal des Evangelischen Gemeindehauses mit auf den "Zauberberg" - ein weiterer unvergesslicher "Literaturtage"-Abend in Bad Mergentheim.
Meike Rötzer nahm den Saal des Evangelischen Gemeindehauses mit auf den "Zauberberg" - ein weiterer unvergesslicher "Literaturtage"-Abend in Bad Mergentheim.

Rückblick auf einen furiosen Erzähl-Abend im Evangelischen Gemeindehaus im Rahmen der Literaturtage.

Von Ulrich E. Oberdorfer

Meike Rötzer hebt die Stimme, die Arme dirigieren, der Körper wiegt im Rhythmus des Textes. Wortakrobatische Volten und pointierte Sentenzen sitzen perfekt. Die Schauspielerin jongliert mit diversen Figuren und Motiven, sie schwebt über die Bühne, als führte sie uns im Sanatorium Berghof von Tisch zu Tisch, hier ein ironischer Halbsatz, da eine grandiose Wendung: Nach ein paar Minuten schon hat man das Evangelische Gemeindehaus in Bad Mergentheim verlassen und befindet sich in Davos zu Anfang des 20. Jahrhunderts.

Hofrat Behrens, stiernackig und mit blutunterlaufenen Augen, der Psychologe Dr. Krokowski, der gerne über Krankheit und Liebe referiert; die Patientin Stöhr, die sich in ihrem Bildungseifer im Fremdwörterdschungel verheddert, die erotisch aufgeladene Russin Clawdia Chauchat, deren türenschlagende Auftritte für Aufsehen sorgen; der Zivilisationsliterat Settembrini und sein Gegner im Geiste, der Jesuit Naphta; der todkranke Offiziersanwärter Joachim Ziemßen und natürlich sein Vetter Hans Castorp, der nur für drei Wochen zu Besuch kommt und dann Gefallen findet an der „Quecksilberzigarre“ im Mund – und am Ende als kränkelnder Zauderer sieben Jahre lang auf dem Berghof ausharrt, bis ihn der Erste Weltkrieg nach unten ins Tal und in die unmenschlichen Abgründe des 20. Jahrhunderts hinabzieht: Meike Rötzer haucht all diesen Figuren mit ihrer Stimme, ihrer Sprache, ihrem genialen erzählerichen Talent Leben ein. Auf dem Berghof würde man sagen: „Vitalität“.

Das Besondere dieses Abends, der im Rahmen der Baden-Württembergischen Literaturtage stattfand: Es handelt sich nicht um eine Lesung aus dem vielleicht vielschichtigsten Werk des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann. Vielmehr hat Meike Rötzer den Tausend-Seiten-Wälzer in das zurückverwandelt, was Mann ursprünglich mit dem Sujet im Kopf hatte – in eine Kurzgeschichte. Mit Verve und in eigenen Worten, mit Esprit und Witz, mit dramaturgischem Gespür und enormer Sprachkraft übersetzt sie das Meisterwerk lustvoll in eine zweistündige sprachmagische Tour de Force, den Duktus von Thomas Mann immer wieder aufgreifend und respektvoll auch parodierend. Rötzer hat dieses Format erfunden. Sie erarbeitet komprimierte Fassungen großer Klassiker, und daraus entsteht ein gänzlich eigenständiger Text. Sogar einen „Erzählbuchverlag“ hat sie gegründet, da kann man etwa ihre Nacherzählung von „Die Räuber“ oder „Anna Karenina“ entdecken und als Downloads erwerben. Gerade hat sie die „Odyssee“ fürs Radio nachgedichtet (dieses Ereignis lässt sich in der ARD-Mediathek finden – tausendmal besser ist das als Christopher Nolans Monumentalfilm).

Der „Zauberberg“ aber stand am Anfang des Erzähl-Projekts der Schauspielerin, Sprecherin und Lektorin; er ist ihr Bravourstück. Man merkt das auch an der Aufmerksamkeit und am Mitgehen des Publikums: Im vollbesetzten Gemeindehaus lauscht man gebannt den Wendungen dieser am Vorabend des Ersten Weltkriegs spielenden Geschichte, die vom Vergehen der Zeit handelt und von den bedeutsamen Debatten der Epoche, die das Aufkommen der großen, zum Krieg führenden Gereiztheit nachzeichnet und den Spleens des Bürgertums (dem Spiritismus etwa) auf berauschende Weise nachspürt. Oder auch Hans Castorps Entdeckung des Grammophons – für ihn kein Medium, sondern ein musikalisches Instrument, auf dem er seine Leidenschaften wie ein Virtuose zu spielen vermag. Wie Meike Rötzer Hans im berühmten Schneekapitel durch die undurchdringliche Landschaft und sein Unbewusstes stapfen lässt oder den hocherotischen Austausch eines Bleistifts schildert – das ist so lebendig und bildlich dargeboten, dass man die Szenen vor dem inneren Auge zu sehen meint. „Zauberberg“-Leser wissen freilich, wie die Geschichte endet: auf den Leichenfeldern des Ersten Weltkriegs, Hans Castorp mittendrin. Rötzer macht daraus ein bewegendes Finale, das uns nur allzu nah an unsere Gegenwart heranführt – auch wir taumeln gerade durch eine krisenhafte Welt, und in Europa tobt wieder ein Krieg, der bereits so lange währt wie der Große Krieg von 1914 bis 1918.

Dank der von der Stadt organisierten Baden-Württembergischen Literaturtage, der Unterstützung der Evangelischen Kirchengemeinde, des Kulturvereins Bad Mergentheim und des MSC Bad Mergentheim, der Getränke ausschenkte und die Einnahmen für den Abend spendete, konnte diese Reise auf den Zauberberg stattfinden. Literaturtage-Kuratorin Beatrice Faßbender betonte am Ende der vom Publikum euphorisch gefeierten Erzähl-Performance, Meike Rötzer werde gewiss nicht das letzte Mal in Bad Mergentheim gewesen sein. Das wäre uns allen zu wünschen.