KI bei den Literaturtagen: Die Sprachmaschine als „Verhinderungsbibliothekarin“

Der Schauplatz der Veranstaltung war im Vorfeld aufgrund der großen Nachfrage noch einmal verlegt worden. 150 Interessierte folgten dem Gespräch zwischen Campus-Leiterin Prof. Dr. Kim Linsenmayer und dem Buch-Autoren, Literaturwissenschaftler und Medienphilosoph Prof. Dr. Roberto Simanowski. Das Auditorium wurde mit einbezogen und bekam Raum zum Fragen und Mitdiskutieren.
So wurde es ein Abend mit vielen Denkanstößen, die meist jenseits des Technischen lagen. Roberto Simanowski, dessen Buch „Sprachmaschinen - Eine Philosophie der Künstlichen Intelligenz“ nach nur einem Jahr bereits in der 8. Auflage gedruckt wird, gab gleich zu Beginn die Devise aus, man könne über die KI nicht ohne Goethe reden.
Seine philosophische Annäherung an das allgegenwärtige Thema ist folglich geprägt von vielen neuen Bildern und Begriffen, wie eben jenem der „Sprachmaschinen“, als die er die KI-Systeme bezeichnet. Schwer zu klären sei deren Bewusstsein. Mit weiteren Begrifflichkeiten lotete er aus, was die KI vielleicht ist, nicht ist oder sein kann. Sollen wir sie als „stochastischen Papagei“ abtun, der uns die statistischen Daten, mit denen er gefüttert wurde, gewissermaßen nach- und vorplappert?
Das reiche eher nicht aus, denn die KI transportiere auch Normen, sorge erwiesenermaßen für Verzerrungen. Im Vektorraum (Simanowski: „Stellen Sie sich den Raum so vor, als hingen hier unzählige Begriffe von der Decke, die mit Strippen verbunden sind“) formten sich Prägungen und Vorurteile. Erwiesen sei inzwischen, dass die Sprachmaschinen Positionen einnehmen und verändern können. In diesem Zusammenhang fiel schon bald der nächste Simanowski-Begriff der Künstlichen Intelligenz als „Verhinderungsbibliothekarin“, die uns weniger Neues entdecken lässt, uns auf weniger Überraschendes stoßen lässt und damit die Auseinandersetzung mit einem Thema verengt.
Grundsätzlich wurde der Gast, der in Berlin und Rio de Janeiro lebt, mit der Frage, ob die Sprachmaschinen unsere Souveränität erweitern oder ersetzen. Hier schlug er den Bogen zu Hegels Dialektik von Herrschaft und Knechtschaft, wo dem Herrn eine negative Macht zugeschrieben werde, weil er die Dinge nicht praktiziere und praktisch umsetze. Anerkennung gewinnen kann dem folgend nur der Knecht. „Übertragen auf die KI heißt das, dass sich die Freude über mit Hilfe der KI erreichten Erfolge schnell erledigen kann“, führte Roberto Simanowski aus. Bereits jetzt sei Folgendes zu beobachten: „Künstlerinnen und Künstler, die KI einsetzen, sagen mir, dass sie sich leer fühlen.“
Kim Linsenmayer berichtete neben vielen Beobachtungen aus der eigenen KI-Anwendung auch von der Erfahrung als Campusleiterin: „Wir laufen Gefahr, dass sich die Individualität der Persönlichkeiten von Studierenden sich nicht mehr in deren schriftlichen Texten abbildet.“ Sie warf auch das Stichwort der „Gefahr der Kognitiven Verkümmerung“ ein. Die Erfahrung der Selbstwirksamkeit dürfe nicht untergraben werden, waren sich beide einig. Am Ende fehle der KI auch als Kreativ-Akteur immer „das Gewicht eines gelebten Lebens“.
Einer allgemeinen KI-Ablehnung oder einem Verbot im Bildungsbereich redeten aber weder Kim Linsenmayer noch Roberto Simanowski das Wort. Der Medienphilosoph sprach sich gegen eine Verbannung von KI aus dem Klassenzimmer aus, brachte zur gebotenen Einhegung des Akteurs „Künstliche Intelligenz“ eher einen Medienstaatsvertrag ins Spiel.
Am Ende, so Roberto Simanowskis Fazit zur rasanten KI-Entwicklung und deren Regulierung, gehe es für uns Menschen auch darum, „stark zu sein“ und nicht in jede „Bequemlichkeitsfalle“ zu tappen. „Protect me from what I want“ (Beschütze mich vor dem, was ich mir wünsche) habe die Künstlerin Jenny Holzer schon in den 1980er Jahren proklamiert. Möglicherweise sei dieser Slogan aktueller denn je.
