Eindrucksvolle Lesung über Anna Haag bei den Literaturtagen in Hachtel

Veröffentlicht am Montag, 12. Oktober 2026
Jennifer Holleis (links) und Beatrice Faßbender sprachen im Dorfgemeinschaftshaus Hachtel über Anna Haag. (Bild: Uwe Weil)
Jennifer Holleis (links) und Beatrice Faßbender sprachen im Dorfgemeinschaftshaus Hachtel über Anna Haag. (Bild: Uwe Weil)

Die 43. Baden-Württembergischen Literaturtage in Bad Mergentheim sind mit einem starken Besucher-Zuspruch zu Ende gegangen. Ein besonderer Festival-Programmpunkt fand am 27. September in Hachtel statt – mit einem unmittelbaren Bezug zum Stadtteil.

Die Herausgeberin Jennifer Holleis stellte im Hachteler Dorfgemeinschaftshaus das Leben und Wirken der Schriftstellerin und Politikerin Anna Haag (1888 – 1982) vor. Im Mittelpunkt der Veranstaltung standen die während der NS-Zeit entstandenen geheimen Tagebücher Haags, die Jennifer Holleis unter dem titelgebenden Zitat „Denken ist heute überhaupt nicht mehr Mode“ herausgegeben hat.

Oberbürgermeister Udo Glatthaar und Ortsvorsteher Reinhard Brand konnten dazu einen vollen Saal mit 80 Zuhörerinnen und Zuhörern begrüßen. Dass die Veranstaltung in Hachtel stattfand, war kein Zufall. Anna Haags Onkel war der aus Hachtel stammende berühmte Erfinder der Linotype-Setzmaschine, Ottmar Mergenthaler. Die beiden hatten zwar keine persönliche Verbindung, weil Mergenthaler bereits vor Anna Haags Geburt in die USA ausgewandert war. Jennifer Holleis berichtete jedoch, dass Anna Haag mit Ottmar Mergenthalers Tochter Pauline in Kontakt stand. Darüber hinaus bestand eine weitere Verbindung nach Hohenlohe: Anna Haag heiratete 1909 den aus Künzelsau stammenden Akademiker Albert Haag.

Als sie 1940 ihr Kriegstagebuch begann, lebte Anna Haag in Stuttgart. Mit ausgewählten Textpassagen und zahlreichen Erläuterungen machte Jennifer Holleis im Gespräch mit Moderatorin Beatrice Faßbender deutlich, unter welch gefährlichen Bedingungen Anna Haag ihre Aufzeichnungen verfasste. Die Tagebücher versteckte sie im Kohlenkeller. Jede Zeile hätte sie das Leben kosten können. „Der letzte Krieg war grauenvoll, aber was heute geschieht, ist nicht zu vergleichen damit“, schrieb sie bereits in einem der frühen Einträge.

Anna Haag schildert eindringlich und kritisch das Denken und Handeln ihrer Mitmenschen während der nationalsozialistischen Diktatur. „Sie hat aktiv versucht, an Informationen zu kommen, und sie zeigt eine sehr klare und empathische Haltung, beispielsweise dem Schicksal der Juden und anderer Regime-Opfer gegenüber“, betonte Jennifer Holleis. Wörtlich prangerte Anna Haag „unerhörte Barbarei“ ihres Landes an. Auch die Hoffnung auf einen demokratischen Neuanfang und ihren Willen, am Aufbau eines neuen Deutschlands mitzuarbeiten, prägt ihr Werk.

Tatsächlich wurde Anna Haag 1946 in den württembergischen Landtag gewählt. Noch bedeutender und leider wenig bekannt ist ihr Einfluss auf das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung in Artikel 4 unserer Verfassung geht auf sie zurück.

Jennifer Holleis gab auch Einblicke in ihre persönliche Auseinandersetzung mit Anna Haag. Seit 2012 beschäftigt sie sich mit den Tagebüchern, 2021 veröffentlichte sie diese in Buchform. Die in Traunstein lebende Journalistin, Übersetzerin und Dolmetscherin arbeitet daneben für die Deutsche Welle und war viele Jahre Kriegsberichterstatterin im Nahen Osten.

Die Veranstaltung stieß auf großes Interesse und bot den Besucherinnen und Besuchern die Gelegenheit, mit Anna Haag eine beeindruckende Persönlichkeit der deutschen Zeitgeschichte neu zu entdecken. Die Lesung machte deutlich, wie aktuell die Mahnungen von Ottmar Mergenthalers Nichte gegen Krieg, Ausgrenzung und Demokratiefeindlichkeit auch heute noch sind. Das Interesse kam an diesem Abend auch darin zum Ausdruck, dass der „Büchertisch“ schnell ausverkauft war und eine Bestell-Liste geführt werden musste.

Udo Glatthaar und Reinhard Brand lobten das Kuratorische Duo - Beatrice Faßbender und Ulrich Rüdenauer – für diese beeindruckende Veranstaltung im Rahmen des städtischen Literaturtage-Programms. Beatrice Faßbender bedankte sich sehr herzlich bei der Dorfgemeinschaft Hachtel, die vor und hinter den Kulissen für einen gelungenen Rahmen des Abends gesorgt hatte.

Ortsvorsteher Reinhard Brand freute sich über die große Resonanz zum Hachteler Literaturtage-Abend. (Bild: Uwe Weil)