Das Burger Haus: 600 Jahre Stadtgeschichte, Bau-Juwel und Spielzeugladen-Nostalgie
Nach jahrelangem Verfall konnte die Stadt Bad Mergentheim das Gebäude im Jahr 2021 erwerben. Ein Jahr später konnte es in das Sanierungsgebiet Altstadt/ Stadtgarten integriert werden. Beginnend im Frühjahr 2025 wurde das Gebäude zunächst entrümpelt und mittels „Laserscan“-Verfahren haben Fachleute ein Aufmaß erstellt. Im September 2025 konnten erstmals seit langer Zeit wieder Bürgerinnen und Bürger bei Führungen das Gebäude erkunden. Viele haben noch lebhafte und emotionale Erinnerungen an „ihren“ großen Spielzeugladen, der sich einst über zwei Etagen erstreckte: an die Modellbahn-Abteilung, die Bastel-Ecke oder die Brettspiel-Regale.
Mit dem richtigen, im Wesentlichen öffentlichen Nutzungskonzept könnte für das Burger Haus dank des Sanierungsgebietes eine Förderkulisse aufgebaut werden, die den größeren Teil der notwendigen Investitionen abdeckt (rund 70 Prozent). Das Gebäude stellt ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung gemäß § 28 Denkmalschutzgesetz dar. Der Gemeinderat hat beschlossen, dass im ersten Schritt zunächst ein solches Nutzungskonzept erarbeitet werden und die entsprechenden Architekturleistungen vergeben werden sollen.
Zuvor hat Markus Numberger im Sommer 2025 die bauhistorische Kurzuntersuchung durchgeführt. Der Bauforscher betreibt ein Büro für Bauforschung und Denkmalpflege in Esslingen. Bereits diese Kurzuntersuchung brachte interessante neue Erkenntnisse. So dürfte es sich beim Burger Haus um die erste Apotheke der Stadt handeln (eingerichtet im 16. Jahrhundert).
Nachfolgend können Sie weitere Details aus der bauhistorischen Kurzuntersuchung nachlesen.
Gebäudebeschreibung
Bei dem Gebäude handelt es sich um ein giebelständiges, dreigeschossiges Wohn-und Geschäftshaus mit massiv gemauerter, durch Ladeneinbau modern veränderter Erdgeschosszone und verputzten Fachwerk-Obergeschossen. Nach oben schließt das Gebäude mit zwei Dachgeschossebenen und Spitzboden unter einem Satteldach mit östlichem Drittelwalm und westlichem Zweidrittelwalm ab. Die Giebelfassade zum Marktplatz mit reich gestalteter klassizistischer Fassade und profilierten Eckpilastern.
Das Gebäude ist in vollem Umfang unterkellert, wobei die insgesamt acht Kellerräume ein sehr inhomogenes Gefüge zeigen und aus unterschiedlichen Bauphasen stammen. Die teils verdreht zum aufgehenden Gebäude liegenden Keller sowie die Tatsache, dass sich die südlichen Kellerräume teils unter das Nachbarhaus erstrecken, weist darauf hin, dass hier noch Keller von Vorgängergebäuden vorhanden sind. 
Das Erdgeschoss besitzt aufgrund jüngerer Veränderungen und einem großflächigen Ladeneinbau nur noch wenig historische Ausstattung. Die historische Grundrissgliederung sowie Nutzungsstruktur ist hier kaum noch ablesbar.
Beide Obergeschosse sowie die Dachgeschosse zeigen eine Gliederung aus drei Längszonen und fünf Querzonen. Bemerkenswert ist dabei, dass das Gebäude über Jahrhunderte firstparallel in zwei Einheiten unterteilt war. Die südliche Haushälfte bestand aus zwei Längszonen (2/3 des Gebäudes) und die nördliche Haushälfte aus der übrigen Längszone (1/3 des Gebäudes).
Die Grundrisse der beiden Obergeschosse sind nahezu identisch. In den beiden östlichen Querzonen (zum Marktplatz hin) befanden sich jeweils die Wohnstuben. Die mittlere Querzone nahm jeweils die Küchen (mit Kaminen) auf. Nach der Küchenzone folgte in Richtung Westen die Erschließungszone mit den Treppenhäusern, wobei wohl im 16. Jahrhundert die nördliche Haushälfte durch einen neu eingebauten, steinernen Wendeltreppenturm erschlossen wurde. Die westliche Querzone nahm schließlich noch untergeordnete Räume und Kammern auf.
Die beiden Dachgeschossebenen sowie der Spitzboden sind weitestgehend unausgebaut und dienten zu Lagerzwecken. Lediglich im 1. Dachgeschoss befinden sich in der westlichen Zone zwei Kammern. Ebenfalls im 1. Dachgeschoss gibt es Hinweise darauf, dass hier ehemals eine Ladeöffnung mit Aufzugskran an der östlichen Giebelfassade (zum Marktplatz hin) bestand.
Geschichtlicher Überblick Bau- und Besitzgeschichte
Das Gebäude Marktplatz 4 war mindestens seit dem 16. Jahrhundert in zwei separate Haushälften unterteilt. Die Unterteilung des Gebäudes erfolgte firstparallel. Nr. 108 war die südliche Haushälfte und Nr. 109 die nördliche Haushälfte.
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13./14. Jahrhundert |
Keller von Vorgängergebäuden |
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1434 (d) |
Erbauung des Gebäudes |
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1526 (a) |
Erste gesicherte archivalische Erwähnung |
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1577 bis ca. 1617 (a) |
Von ca. 1577 bis ca. 1617 war das Gebäude - zumindest teilweise im Besitz der Apothekerfamilie von Nichten. In dieser Zeit dürfte hier die 1. Apotheke von Mergentheim gewesen sein! Die benachbarte Engel-Apotheke wird erst ab 1662 als Apotheke geführt. |
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1791 (a, d)
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Umbaumaßnahmen durch Mathes Erhardt, Mathes Erhardt kam um 1791 in den Besitz beider Haushälften und ließ die bis heute bestehende, barocke Fassadengliederung am Giebel zum Marktplatz hin erbauen. |
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Um 1825 |
Um 1825 wechseln die Hausnummern von 108/109 zu 104/105 |
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1903 |
1903 mehrere bauliche Verbesserungen [Quelle: Feuerversicherungsbuch 1894] |
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1906 (i) |
Umbaumaßnahmen. Makulatur im 2. Obergeschoss und eine Inschrift im Keller mit jeweils Datierung "1906" weisen auf Umbaumaßnahmen in dieser Zeit hin. |
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1907 (a) |
Georg Burger ist Eigentümer |
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1920 |
Aus den Adressbüchern:Burger, Georg Galanterie- und Spielwaren (Brancheneintrag) |
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2013 |
Leerstand |
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2021 |
Kauf durch die Stadt Bad Mergentheim |
(a) ... archivalisch belegt / (d) ... dendrochronologisch belegt / (i) ... inschriftlich belegt
Spannende Befunde
Zugesetzter Durchgang zu Nachbarkeller: Im Gewölbekeller befindet sich ein mit Backsteinen zugesetzter Durchgang, der möglicherweise als Fluchtweg im 2. Weltkrieg angelegt wurde und zum Nachbarkeller (Marktplatz 6) führen dürfte. Dies sollte im Nachbarkeller geprüft werden!
Spolie mit Wappenschild: An der südlichen Längswand wurde ein Sandsteinquader entdeckt, der ein Wappenschild mit zwei untereinanderstehenden Kreuzen zeigt. Eine Verbindung zum Deutschen Orden wäre hier denkbar. Da der Stein aber liegend eingebaut wurde ist hier von einer Zweitverwendung auszugehen.
Renaissancezeitliches Türgewände: Der Zugang zum Treppenturm wird durch ein profiliertes, sandsteinernes Türgewände gebildet. Die Zierformen verweisen ins 16. Jahrhundert. Der gesamte Treppenturm wurde nachträglich in das Gebäude gesetzt und erschließt heute sämtliche Etagen bis zum 1. Dachgeschoss.
Steinmetzzeichen an der Treppenspindel: An der Treppenspindel des Treppenturms befinden sich mehrere, teils unterschiedliche Steinmetzzeichen, die sich in ihrer Ausformung am ehesten dem 16. Jahrhundert zuordnen lassen. Eine genaue Zuweisung zu entsprechenden Steinmetzen war bislang nicht möglich.
Ehemalige Küche mit historischer Ausstattung: Einer der am besten überlieferten Räume ist die ehemalige Küche. Hier hat sich der historische Ziegelplatten-Bodenbelag ebenso erhalten, wie eine Ofennische und ein Bleisprossen-Fenster des frühen 19. Jahrhunderts. Auf der Flurseite der Innenwand zum Flur haben sich zudem große Bereich einer Gefachemalerei erhalten.
Fazit
Das bemerkenswert gut überlieferte Wohn- und Geschäftshaus ist ein herausragendes Dokument für ein im Kern spätmittelalterliches Bürgerhaus mit Fassadenumgestaltung im 18. Jahrhundert. Als eines der ältesten Gebäude in Bad Mergentheim ist es zudem ein wichtiges stadtgeschichtliches Zeugnis. Zudem ist es als Bestandteil der geschlossenen, historischen Platzrandbebauung von großer Bedeutung für das historische Erscheinungsbild des Marktplatzes.
An der Erhaltung besteht aus wissenschaftlichen und heimatgeschichtlichen Gründen ein besonderes öffentliches Interesse. Wie die nun durchgeführte bauhistorische Kurzuntersuchung belegt, hat das Gebäude auch eine wechselvolle Besitz- und Nutzungsgeschichte. Besonders hervorzuheben ist dabei, dass es sich nach momentanem Forschungsstand um die 1. Apotheke der Stadt Bad Mergentheim handelt, die durch die Apothekerfamilie von Nichten ab ca. 1577 hier eingerichtet wurde. Somit kommt dem Gebäude zusätzlich eine besondere Wertigkeit für die Apothekengeschichte der Stadt zu.
Auch die Tatsache, dass hier möglicherweise ein steinernes Vorgängergebäude im Bereich des südlichen Gewölbekellers stand, welches über die Burgstraße eine Achse mit dem Turm der einstigen Burg des Deutschen Ordens bildete, ist als bemerkenswertes Detail festzuhalten.
Gerne informieren wir Sie an dieser Stelle oder über unsere Öffentlichkeitsarbeit über die weitere Untersuchung des Burger Hauses und die Erstellung eines Nutzungskonzeptes. Kennen Sie schon unseren wöchentlichen Newsletter? Diesen können Sie hier abonnieren. Schreiben Sie uns auch gerne Ihre Erinnerungen an das Burger Haus an landesgartenschau@bad-mergentheim.de.
