WELTDIABETESTAG am 14. November macht auf die Volkskrankheit aufmerksam

Veröffentlicht am Montag, 14. November 2022
Für das Foto platzierten sich Menschen mit blauen Schirmen rund um das Brunnenbecken der großen Fontäne im Kurpark und stellten auf diese Weise das „Diabetes-Logo“ dar. Foto: © Diabetes-Klinik Bad Mergentheim
Für das Foto platzierten sich Menschen mit blauen Schirmen rund um das Brunnenbecken der großen Fontäne im Kurpark und stellten auf diese Weise das „Diabetes-Logo“ dar. Foto: © Diabetes-Klinik Bad Mergentheim

Interview mit Prof. Dr. Bernhard Kulzer über die Auswirkungen von Corona auf Menschen mit Diabetes

In Deutschland leben mehr als acht Millionen Menschen mit Diabetes – Tendenz steigend.

Anlässlich des diesjährigen Weltdiabetestags will die Kurverwaltung in Kooperation mit der Diabetes-Klinik Bad Mergentheim auf dieses wichtige Thema aufmerksam machen, um mehr Bewusstsein für die Volkskrankheit „Zucker“ zu schaffen. Unter anderem wird dies am 14. November auch sinnbildlich dargestellt, wenn die LED Beleuchtung im Kurpark abends in blau leuchtet, der weltweiten Symbolfarbe für Diabetes.

Bad Mergentheim gilt mit einer Diabetes-Klinik, einer Diabetes-Akademie und einem Diabetes-Forschungsinstitut heute als eines der führenden deutschen Kompetenz- und Behandlungszentren für die Volkskrankheit Diabetes mellitus.

„Wir sind stolz auf diese hohe Diabeteskompetenz und unsere Vorreiterrolle“, sagt Kurdirektor Sven Dell. „Die Diabetes-Klinik und mehrere Rehakliniken in Bad Mergentheim eröffnen mit ihren Behandlungs- und Schulungsprogrammen neue Möglichkeiten, die Prävention und die Behandlung von Diabetes voranzutreiben“, so Dell.

Ihre Programme stimmt die Diabetes-Klinik Bad Mergentheim auf die persönliche Situation des einzelnen gezielt ab, so dass Typ-1-und Typ-2-Diabetiker den Alltag wieder aktiv und gesundheitsorientiert gestalten können. Infolge der Corona-Pandemie stieg die Zahl der Patientinnen und Patienten, die mit einem Post-COVID-Syndrom bei der Diabetes-Klinik angemeldet wurden. Über die Auswirkungen von Corona auf Menschen mit Diabetes sprach kürzlich Prof. Dr. Bernhard Kulzer, leitender Psychologe des Diabetes-Zentrums Bad Mergentheim im Interview:

 

  1. Welche Zusammenhänge gibt es zwischen COVID-19 und Diabetes?

Menschen mit Diabetes haben zwar kein erhöhtes Risiko, an COVID-19 zu erkranken, aber wenn sie sich mit dem Corona-Virus infiziert haben, ist die Prognose besonders bei schweren Verläufen der Erkrankung deutlich ungünstiger als bei Menschen ohne Diabetes. Wie wir wissen, kann COVID-19 eine ganze Reihe von Organen in Mitleidenschaft ziehen, leider auch die Bauchspeicheldrüse. Daher gibt es Menschen, bei denen als Folge einer COVID-19-Erkrankung ein Typ-1-Diabetes aufgetreten ist, da sich die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse selbst zerstört haben. Auch wissen wir, dass als einer Folge der Maßnahmen zur Eindämmung von COVID-19, Menschen mit Diabetes seltener zum Arzt gegangen sind, was unter anderen die Zahl von akuten Stoffwechselentgleisungen (Ketoazidosen) erhöht hat. Viele Menschen haben sich während des Lockdowns deutlich weniger bewegt und an Gewicht zugenommen, was in Bezug auf die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes ungünstig ist. Schon jetzt erkranken in Deutschland mehr als 600.000 Menschen jährlich neu an Typ-2-Diabetes – Tendenz leider steigend!

 

  1. Ist eine Corona-Erkrankung für Menschen mit Diabetes mit einem höheren Risiko verbunden als für Menschen ohne Diabetes?

Die Prognose einer COVID-19-Erkrankung hängt von mehreren Risikofaktoren ab. Dazu zählt neben hohem Alter, Übergewicht, Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems, des Atmungssytems, Leber- und Nierenerkrankungen, Krebs auch Diabetes. Da viele Menschen mit Typ-2-Diabetes bereits älter und übergewichtig sind sowie häufig auch kardiovaskuläre Erkrankungen aufweisen, ergibt sich aus der Summation der Risikofaktoren die schlechtere Prognose. Aber auch erhöhtes Blutzuckerwerte verschlechtern den Verlauf von schweren Infektionen mit COVID-19, die eine Aufnahme in ein Krankenhaus notwendig machen, da diese das Immunsystem schwächen. Umgekehrt bedeutet dies auch, dass wenn Menschen mit Diabetes eine gute Blutzuckereinstellung und keine weiteren Risikofaktoren haben, kein erhöhtes Risiko bei einer Infektion mit COVID-19 besteht.

 

  1. Warum beschäftigen Sie sich mit den Auswirkungen von COVID-19 bei Menschen mit Diabetes?

Als Psychologe interessieren mich besonders die psychischen Auswirkungen der Covid-19-Pandemie. Und diese sind schon bei Kindern und Jugendlichen, aber auch Erwachsenen ohne Diabetes beträchtlich. Menschen mit Diabetes führen ihre Therapie jeden Tag eigenständig durch und müssen dafür eine ganze Menge Motivation, Selbstdisziplin und auch Zeit aufbringen. Nach einer aktuellen Studie von uns im Durchschnitt bei Typ-1-Diabetes 85 Minuten, bei Typ-2-Diabetes 53 Minuten. Dies funktioniert schlechter, wenn die Lebensqualität eingeschränkt ist und eine psychische Erkrankung vorliegt. Letztere sind leider während der Covid-19-Pandemie bei Menschen mit Diabetes angestiegen, sodass wir vermehrt in der Diabetes-Klinik Menschen mit Diabetes und einer komorbiden Depression oder Angsterkrankungen behandeln. Aber auch Long-COVID, häufig verbunden mit Energielosigkeit und Erschöpfungszuständen erschweren die tägliche Umsetzung der Diabetestherapie. Das war für uns der Grund, ein spezielles Programm für Menschen mit Diabetes und Post-COVID zu entwickeln und in der Diabetes-Klinik anzubieten.

 

  1. Wann spricht man von Long-COVID, wann von Post-COVID?

Wenn die Beschwerden einer COVID-19 Erkrankung über einen Zeitraum von vier Wochen nach der Infektion noch andauern, spricht man vom einem Long-COVID-Syndrom. Treten die Krankheitszeichen drei Monate nach der Akutphase der COVID-19-Erkrankung immer noch auf, so wird dies als Post-COVID-Syndrom bezeichnet. Es handelt sich somit um Symptomatiken, die nach der akuten Infektionsphase weiterbestehen oder zu neuen gesundheitlichen Einschränkung, führen. Grundsätzlich können auch bei anderen Viruserkrankungen Spätfolgen entstehen, allerdings scheint dies beim Coronavirus besonders häufig vorzukommen.

 

  1. Wie häufig tritt Long-COVID auf?

Das Long-COVID- und das Post-COVID-Syndrom betreffen ca. jede siebte Person, die mit dem Coronavirus infiziert war. Nach neueren Studien scheinen die Zahlen mit den neuen Virusvarianten zurückzugehen. Ob die COVID-19-Erkrankung einen milden oder schweren Verlauf genommen hat, hat interessanter Weise auf das Fortbestehen der Krankheitssymptome über einen längeren Zeitraum keinen Einfluss.

 

  1. Sind in der Diabetes-Klinik viele Patienten mit Diabetes und Post-COVID?

Die Diabetes-Klinik ist eine Spezialklinik mit einem bundesweiten Einzugsgebiet und wendet sich an Personen mit Diabetes, mit schweren Verläufen und Problemen, die im ambulanten Setting nicht gut behandelbar sind. Wir hatten festgestellt, dass immer mehr Patienten mit einem Post-COVID-Syndrom bei uns angemeldet wurden und haben uns daher entschlossen, ein spezielles Angebot für diese Patientengruppe zu entwickeln. Dies war für uns nicht so schwierig, da in der Klinik verschiedene Berufsgruppen, die für die Diagnostik und Behandlung von Long-COVID notwendig sind, vorhanden sind. Zudem arbeiten wir in der Klinik schon seit langen mit speziellen Behandlungsprogrammen für spezielle Probleme im Zusammenhang mit dem Diabetes, um unseren Patienten eine möglichst maßgeschneiderte, individuelle Behandlung anzubieten.

 

  1. Was beinhaltet das Angebot der Diabetes-Klinik für Menschen mit Diabetes und einer Post-COVID-Erkrankung?

Es ist ein interdisziplinäres Angebot für Patienten mit Post-COVID und Diabetes, an der Ärzte, Pflegepersonal, Psychologen, Diabetesberater und Sportlehrer beteiligt sind. Nach der Diagnostik wird ein Behandlungsplan entwickelt, der sich an dem Schweregrad und der Symptomatik der Patienten orientiert. Er kann eine gezielte weitere Diagnostik, Schmerzbehandlung, Riechtraining, Bewegungstherapie oder psychologische Gespräche beinhalten. Die bisherigen Rückmeldungen der Teilnehmer an dem Programm sind sehr positiv und ermutigen uns, dieses Programm auch in Zukunft weiter anzubieten.

© Diabetes-Klinik Bad Mergentheim

Prof. Dr. Bernhard Kulzer, leitender Psychologe des Diabetes-Zentrums Bad Mergentheim
Foto: © Diabetes-Klinik Bad Mergentheim

 

Der Weltdiabetestag bietet seit seiner Einführung 1991 jedes Jahr Gelegenheit, die Krankheit stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Seit 2007 ist er ein offizieller Tag der Vereinten Nationen und auf den 14. November datiert.

Gerade in den Zeiten der Corona-Pandemie darf der Diabetes und seine Behandlung nicht vernachlässigt werden. Anlässlich des diesjährigen Weltdiabetestags will deshalb auch Bad Mergentheim ein sichtbares Zeichen setzen und hat ein besonderes Foto im Kurpark aufgenommen:

Ein einfacher blauer Kreis ist das weltweite Symbol für Diabetesbewusstsein und das Logo des Weltdiabetestags. Die blaue Farbe soll an die Farbe des Himmels erinnern und der Kreis ist ein Symbol des Lebens und der Einheit. Im Bad Mergentheimer Kurpark ist die große Fontäne vor dem Haus des Gastes, in dem auch das Institut für Bad Mergentheimer Kurmedizin, Gesundheitsbildung und medizinische Wellness beheimatet ist, ein zentraler Anlaufpunkt. Für das Foto platzierten sich Menschen mit blauen Schirmen rund um das Brunnenbecken der großen Fontäne im Kurpark und stellten auf diese Weise das „Diabetes-Logo“ dar.