Neue Schritte in einem alten Wald

Veröffentlicht am Montag, 25. August 2025
Wald-Erkundung - "Manchmal gehen wir das Risiko ein und betreten das Unbekannte." (Foto: M. Hossaini)
Wald-Erkundung - "Manchmal gehen wir das Risiko ein und betreten das Unbekannte." (Foto: M. Hossaini)

Auch in Bad Mergentheim leben viele Geflüchtete. Damit deren Integration gelingt, braucht es sowohl Interesse aneinander als auch die Offenheit, sich kennenlernen zu wollen. Gemeinsam mit der städtischen Integrationsbeauftragten Kornelia Perleth möchten wir neben vielen konkreten Projekten und Veranstaltungen auch Raum für Texte geben, damit Geflüchtete ihre Geschichte erzählen können. Und zugleich davon berichten, welche Hoffnungen sie mit Bad Mergentheim verbinden, wie sie sich einbringen möchten und wo sie nach mehr Miteinander suchen.

Dafür schreibt an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen die afghanisch-stämmige Autorin und Bloggerin Mahdia Hossaini, die im Iran aufwuchs und seit 2023 in der Bad Mergentheimer Kernstadt lebt. (Teil 7)


Neue Schritte in einem alten Wald

Von Mahdia Hossaini

Ein Freund sagte mir einmal: „Du schreibst nie über die Natur." Er meinte: „Du schreibst immer über Menschen. Städte. Die alltäglichen Herausforderungen. Aber wenn du wirklich die deutsche Seele verstehen willst, musst du mit der Natur im Reinen sein. Geh durch den Wald. In Stille. Auch im Regen.“

Damals habe ich nur gelächelt und gesagt: „Ja, vielleicht.“

Aber jetzt? Jetzt glaube ich, er hatte recht.

Wenn man irgendwo neu ist, ist nicht die Natur am wichtigsten. Was man wahrnimmt, ist der Lärm. Der Druck. Die Sprache. Der Papierkram. Man versucht einfach, den Tag zu überstehen, ohne zu viele Fehler zu machen. Ohne sich fehl am Platz zu fühlen. Die Natur nimmt man kaum wahr.

Aber jetzt ist Sommer. Das Leben verlangsamt sich ein wenig. Die Menschen wandern, Familien mit Kindern, Paare mit ihren Hunden. Alle packen Proviant ein, machen längere Wanderungen, als wäre es das Normalste auf der Welt.

Und vielleicht ist es das auch.

Also habe auch ich angefangen zu wandern.

Und langsam habe ich die Stille bemerkt. Den Geruch des Waldes. Den Duft der Kiefern. Die Weichheit des Bodens unter meinen Füßen.

Und endlich habe ich verstanden, was mein Freund meinte. Nicht vollständig, aber ausreichend.

Doch ich weiß auch, dass der Wald nicht für alle ein Ort des Friedens ist. Manche Menschen um uns herum sehen ihn nicht als einen friedlichen Ort. Sie erinnern sich daran, wie sie in der Dunkelheit durch den Wald gegangen sind, etwas gehört haben, ohne zu wissen, was da draußen war.

Wenn man im Wald voller Angst unterwegs war, um sich in Sicherheit zu bringen, empfindet man jedes Geräusch als eine Warnung. Jeder Schritt ist entscheidend.

Und das gilt nicht nur für den Wald.

Für manche war das Meer nie ein Ort der Erholung. Es war ein Teil ihres Weges in die Sicherheit. Es war ein Risiko. Etwas, das sie überlebt haben.

Wenn mir also jemand sagt: „Ich habe Angst vor dem Wald.“ Oder: „Ich mag das Meer nicht“, dann glaube ich ihm. Angst hat immer eine Geschichte. Sie taucht nicht einfach so auf.

Aber ich glaube auch, dass Dinge sich mit der Zeit ändern können. Langsam. Wir können kleine Schritte machen. Wir können unsere Vergangenheit bewahren und gleichzeitig Raum für zukünftige Erfahrungen schaffen.

Für mich gehört das Wandern durch den Wald inzwischen zu meinem neuen Leben hier. Es ist ein Teil der Heilung. Ein Teil der Entscheidung für etwas Neues. Denn manchmal gibt es tief im Wald eine Weggabelung. Ein Weg ist breit und hell, man sieht, dass viele ihn schon gegangen sind. Der andere Weg ist schmal, und man kann nicht erkennen, wohin er führt.

Bei dieser Entscheidung geht es nicht nur um das Wandern. Es geht um Leben.

Manchmal gehen wir dorthin, wo andere schon waren.

Manchmal gehen wir das Risiko ein und betreten das Unbekannte.

Und wir wählen, worauf wir hören. Wie sehr wir uns selbst vertrauen, kann alles verändern.

Also achte ich jetzt beim Gehen auf den Weg, auf dem ich bin.

Ich versuche im Wald mehr als Angst und Überleben zu sehen. Vielleicht kann er auch Frieden bedeuten. Oder Neugier. Oder eine neue Art von Freude in dieser Lebensphase.

Ich möchte meinem Freund dafür danken, dass er etwas so Einfaches und Wahres gesagt hat. Dafür, dass er mir eine andere Richtung gezeigt hat.

Und so bin ich jetzt hier.

Und schreibe endlich über die Natur.

Wenn es einen Waldweg gibt, den Sie lieben, der Ihnen hilft, leichter zu atmen, wenn Sie sich ausgelaugt fühlen, einen Waldweg, der ein bisschen magisch wirkt, dann würde ich sehr gerne davon hören.

Und wenn dieser Sommer Ihnen etwas Besonderes gebracht hat – einen schönen Spaziergang, eine Erinnerung oder ein Gefühl – sind Sie herzlich eingeladen, es hier zu teilen:

integration@bad-mergentheim.de

Ich bin immer noch auf der Suche nach den richtigen Schuhen zum Wandern. Wenn Sie welche gefunden haben, die Sie dazu motivieren, immer weiter zu gehen, sagen Sie mir bitte Bescheid. Ich bin ganz Ohr.


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