Konzept soll die Stadt auf nachhaltiges touristisches Wachstum ausrichten

Bad Mergentheim will als Tourismusort weiter wachsen und seine Position als eine der führenden Destinationen in Baden-Württemberg ausbauen. Um dieses Ziel zu erreichen, wird seit mehr als einem Jahr ein umfassendes „Hotelentwicklungskonzept“ erarbeitet.

Modernisiertes Zimmer in einem Bad Mergentheimer Hotel: Dass viele Betriebe stark investieren, wird in der touristischen Analyse positiv erwähnt. (Bild: Björn Hänssler)
Modernisiertes Zimmer in einem Bad Mergentheimer Hotel: Dass viele Betriebe stark investieren, wird in der touristischen Analyse positiv erwähnt. (Bild: Björn Hänssler)

Bereits vor längerer Zeit hatte der Gemeinderat „1 Million Übernachtungen“ als langfristige Vision für die Kurstadt im Taubertal definiert. Und die Startposition ist durchaus günstig, wie ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht: Bad Mergentheim gehört schon heute zu den Top 10 aller Tourismusorte in Baden-Württemberg und konnte seit 2014 fünf Ankünfte-Rekordjahre in Folge verbuchen. Zuletzt reisten 144.875 Gäste an – die jährliche Zahl der Tagesbesucher liegt bei rund 1,6 Millionen.

Die wichtigste Währung im Tourismus sind und bleiben jedoch die Übernachtungen. Hier liegt Bad Mergentheim relativ stabil bei rund 700.000 pro Jahr für Kliniken und Hotellerie gemeinsam. Doch wie steht es um die Kapazitäten für weiteres Wachstum? Wie ist die Stadt mit Blick auf die wichtigsten Zielgruppen und Urlaubstrends aufgestellt? Und wie muss sie sich vermarkten, um noch bekannter zu werden?

Die Antworten auf all diese Fragen soll das 2018 in Auftrag gegebene Gutachten mit dem etwas sperrigen Titel „Bedarfsanalyse und Entwicklungskonzept für das Beherbergungsangebot in Bad Mergentheim“ geben. Verkehrsdirektor Kersten Hahn fasst das Ziel so zusammen: „Wir wollen ein gesundes Wachstum im Tourismus erreichen – und zwar gemeinsam mit den Bestandsbetrieben, die das Fundament unserer Erfolge bilden.“ Deshalb wird das Konzept auch im engen Schulterschluss mit den unterschiedlichsten Akteuren erarbeitet: Stadt- und Kurverwaltung, Vertreter der Gemeinderatsfraktionen, Hotels und Kliniken, heimische Tourismusverbände sowie Freizeiteinrichtungen sind in den Arbeitsgruppen mit dabei.

„Wir unterstützen dieses Hotelkonzept uneingeschränkt und begrüßen es, dass die Stadt einen wichtigen Prozess angestoßen hat, um den Tourismusstandort weiterzuentwickeln und neue Gästegruppen zu gewinnen“, bekräftigt der Vorsitzende des DEHOGA Main-Tauber, Frank Bundschu. Auch dass der Gemeinderat dafür die nötigen Mittel bereitstelle, sei ein gutes Signal.

Fachlich begleitet werden die Beteiligten von der renommierten Unternehmensberatung „Project M“, die auf Destinationsentwicklung spezialisiert ist. Die Experten haben in den vergangenen Monaten das vorhandene Angebot in den Beherbergungsbetrieben begutachtet, haben unzählige Gespräche mit verschiedenen Akteuren geführt, das Umfeld der Stadt und deren Konkurrenten betrachtet, Stärken und Schwächen analysiert – und in endlosen Zahlenkolonnen Wachstumsszenarien und Wertschöpfungs-Potenziale errechnet. Eine Arbeit, die in diesem Umfang nur mit professioneller Hilfe von außen zu leisten war, wie alle Beteiligten betonen.

Entsprechend umfangreich fällt bereits der Zwischenbericht aus, dessen Eckpunkte in der jüngsten Gemeinderatssitzung vorgestellt worden sind. Kurz gesagt lautet der Befund: Die Hotellerie in Bad Mergentheim ist vielfältig aufgestellt; die meisten Betriebe investieren stark in die Modernisierung ihrer Häuser - und die Gästezufriedenheit, die sich in Bewertungsportalen niederschlägt, ist überdurchschnittlich hoch. Gleichzeitig vermissen die Experten innovative Einzelkonzepte mit thematischer Ausrichtung und eine Unterkunft mit wetter-unabhängiger direkter Anbindung an die Solymar Therme. Als Schwäche wird zudem benannt, dass zu bestimmten Zeiten für sehr große Reisegruppen nicht die nötigen Aufnahmekapazitäten zur Verfügung stehen.   

Interessant ist dabei auch ein Blick auf die gegenwärtige Verteilung der Gäste. Ohne die Klinik-Übernachtungen, die stabil gehalten werden sollen, entfallen rund 250.000 Übernachtungen auf die Hotels. Zwei Drittel davon sind klassische Urlauber, ein Drittel sind Geschäftsreisende und Tagungsgäste.  Die Zahl der Urlauber lässt sich steigern, indem neue Zielgruppen erschlossen werden. Hier sollte Bad Mergentheim aus Sicht der Gutachter sowohl auf Verjüngung setzen als auch außerhalb des Klinikbetriebs das Profil als Gesundheitsstadt schärfen. Die lange Tradition als Heilbad bietet dafür beste Voraussetzungen.

Zur Verjüngung gehört, dass ein Angebot für Jugendliche und Familien geschaffen wird. Entsprechend groß sind auch für „Project M“ die Hoffnungen, die in die geplante Wiederbelebung des Altenheim-Areals durch die „Jufa“ gesetzt werden. Generell muss sich die Stadt mit ihren Unterkünften für unterschiedliche Gäste-Budgets breiter aufstellen.

Und schließlich steht das Wort der „Saisonverlängerung“ im Raum. Der Befund sagt klar, dass in einem Sommermonat bislang mehr als doppelt so viele Übernachtungen in der Hotellerie stattfinden wie in den Wintermonaten. Das ließe sich ändern – beispielsweise durch Schlechtwetterangebote wie den direkten Thermen-Zugang oder durch neue Anreize im Veranstaltungskalender, wie sie zuletzt mit dem Weihnachtscircus erfolgreich eingeführt wurden. Das allein reiche aber nicht aus, erklärt DEHOGA-Vorsitzender Frank Bundschu: „Es ist wichtig, dass auch im Winter etwas los ist und Gäste nach Bad Mergentheim gezogen werden – hier muss grundlegend etwas getan werden, um die Saison spürbar zu verlängern.“

Allgemein gilt: Touristisches Wachstum ist keine Aufgabe der Betriebe und Anbieter allein – auch die Stadt und ihre institutionellen Partner müssen die dazugehörige Infrastruktur schaffen und pflegen sowie die Bekanntheit Bad Mergentheims erhöhen. Entsprechend groß ist das Bedauern der Fachleute von „Project M“, dass die Bewerbung um die Landesgartenschau zunächst gescheitert war. Das Potenzial eines solchen Programms für die Stadtentwicklung und gleichzeitig die Bekanntheit sei so groß, dass zu einer erneuten Bewerbung dringend geraten wird.

In Bezug auf die Kernfrage der Untersuchungen wird schon im Zwischenbericht deutlich: Bad Mergentheim hat große Wachstumschancen. Um diese zu nutzen braucht man attraktive Freizeitangebote für Sommer und Winter – und natürlich zusätzliche, an neuen Zielgruppen ausgerichtete Betten. Doch heißt das im Umkehrschluss, dass die heimischen Hotels neue Konkurrenz und verschärften Wettbewerb fürchten müssen? „Nein, das wäre das völlig falsche Signal“, widerspricht Kersten Hahn. Die so genannte „Auslastungsquote“ soll auf dem jetzigen Niveau gehalten werden, das allen Betrieben ein auskömmliches Wirtschaften ermöglicht.

Sofern Stadt und Verbände überhaupt Möglichkeiten hätten, Markt-Anreize zu setzen und Investoren anzuwerben, gehe es vor allem darum, Angebotslücken zu schließen, so Hahn. Davon profitierten dann wiederum alle. Konkret bedeutet das: Wer im Familienurlaub in der Jugendherberge die Stadt Bad Mergentheim kennen und lieben lernt, der kommt vielleicht für ein Wellness-Wochenende ohne Kinder gerne wieder – und checkt dann ganz woanders ein. „So kommt ein prosperierender Tourismus-Standort letztlich allen zugute und deshalb sind auch alle Akteure mit ins Boot geholt worden“, erklärt Kersten Hahn.

Anfang November wird die Arbeit am touristischen Entwicklungskonzept mit einem großen Workshop fortgesetzt. Bereits jetzt hat der Gemeinderat 80.000 Euro bewilligt, um die Neuausrichtung Bad Mergentheims konkret zu planen und umzusetzen. Wie genau und mit welchen Projekten dies geschieht, wird nach dem Tourismusforum in Arbeitsgruppen vertieft und konkretisiert.

Aus Sicht von Verkehrsdirektor Kersten Hahn ist das gut angelegtes Geld. Denn: „Übernachtungszahlen sind mehr als nur Prestige. Eine Stadt, die zu einem nicht unerheblichen Teil vom Tourismus lebt, tut gut daran, wenn sie sich nicht auf Erfolgen ausruht, sondern am Puls der Zeit bleibt und die Weichen beizeiten richtig stellt. Damit haben wir begonnen und ich bin sehr dankbar, dass dieser Prozess von einem derart breiten Bündnis getragen und gestaltet wird.“