Erste Beobachtungen zum Verkehrsversuch stimmen optimistisch

Die zweite Phase des Verkehrsversuchs in Bad Mergentheim läuft  - und wird kontrovers diskutiert. Die Stadt verweist sieben Wochen nach dem Start nun auf erste positive Effekte und geht dabei auch auf Kritikpunkte ein.

Vor allem ab Frühjahr werden im Verkehrsversuch die gestiegene Aufenthaltsqualität und das Plus an Fußgänger-Sicherheit vor dem Schloss voll zur Geltung kommen. (Bild: Björn Hänssler)
Vor allem ab Frühjahr werden im Verkehrsversuch die gestiegene Aufenthaltsqualität und das Plus an Fußgänger-Sicherheit vor dem Schloss voll zur Geltung kommen. (Bild: Björn Hänssler)

Die Verantwortlichen fühlen sich in den Grundannahmen bestätigt, betonen aber erneut: Änderungen im Verkehrsfluss können sich weder kurzfristig einspielen, noch können sie kurzfristig belastbar ausgewertet werden. Die wechselnden Shutdown-Regelungen wegen Corona erschweren dies zusätzlich. Wenn das öffentliche Leben stillsteht, hat das sofort Auswirkungen auf den Verkehr. Deshalb läuft Testphase II auch planmäßig bis Ostern. Dann soll es eine detaillierte Bilanz geben, zum jetzigen Zeitpunkt bestehen Tendenzen und Eindrücke. Bereits die erste Testphase hatte sich von August bis Dezember 2020 über insgesamt vier Monate erstreckt.

Den Charakter eines „Tests“ oder „Versuches“ ruft die Stadtverwaltung noch einmal ins Bewusstsein, weil sich Kritik meist an den gestalterischen Fragen entzündet: an den Straßen-Aufbauten vor dem Schloss-Parkplatz etwa, die nun eine Durchfahrt von der Kapuzinerstraße in die Münzgasse verhindern. Oder an dem schlechten und wenig ansehnlichen Straßen-Zustand unter dem Schirmdach des Gänsmarktes. Dies sind Themen, die die endgültige Umsetzung betreffen.

Deshalb verweist die Stadt darauf, dass es sich bisher überall um zeitlich befristete Provisorien handelt. „Es ist doch etwas Gutes, dass wir nicht gleich und endgültig in Straßenführungen eingreifen, sondern die Konzepte der Fachleute und unsere Ideen zunächst einem ausführlichen Praxistest unterziehen und Rückmeldungen sammeln“, wirbt Oberbürgermeister Udo Glatthaar für das weiterhin schrittweise Vorgehen. Wenn am Ende dieses Prozesses eine dauerhafte Lösung gefunden sei, werde diese selbstverständlich auch ansprechend ausgestaltet. Dies gehöre zum Gesamtkonzept im Rahmen der Stadtentwicklung.

Mit Blick auf den Gänsmarkt sagt der OB: „Die Umbrella Street war ein solcher Erfolg, dass darüber manche ganz vergessen haben, dass es sich nur um eine Behelfslösung handelt. Die eigentliche Erneuerung des Gänsmarktes – sowohl seine Beschaffenheit als Fläche wie auch die bauliche Platzgestaltung – liegt als großes und spannendes Projekt erst noch vor uns.“ Dieses Vorhaben hatte – zusammen mit dem vielfach geäußerten Wunsch einer spürbaren Verkehrsberuhigung im Stadtkern – die Konzepte für eine neue Verkehrsführung überhaupt erst angestoßen und ist Teil der erfolgreichen Landesgartenschau-Bewerbung.

Bei der Steuerung des Verkehrs gab es in der ersten Testphase viel Zustimmung dafür, dass dieses Herzstück der Verkehrsberuhigung auf dem Gänsmarkt gesetzt ist. Handlungsbedarf bestand aber in der Münzgasse, wo die Verkehrsbelastung in Folge noch zugenommen hatte. Für Abhilfe sorgen soll in der aktuellen Testphase II das „Abkürzungsverbot“ über den Deutschordenplatz. Er dient seit Dezember nur noch als Zufahrt zum Parkplatz am Schloss und wird ab Samstagnachmittag fürs restliche Wochenende komplett gesperrt. Im Idealfall geht also die Verkehrsentlastung der Münzgasse einher mit mehr Fußgänger-Sicherheit und Aufenthaltsqualität vor dem Schloss.

Bauamt und Ordnungsamt sehen in den ersten Wochen Anzeichen dafür, dass das funktioniert. Der OB und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadt waren immer wieder in den betroffenen Straßen präsent. Sie haben Start und Entwicklung der Testphase beobachtet und bei Anlaufschwierigkeiten auch einige Gespräche mit Verkehrsteilnehmern vor Ort geführt. Regelmäßig werden bis zum Ende des Versuchs weitere elektronische Zählungen vorgenommen. „Wir sehen im Vergleich zur ersten Testphase jetzt deutlich weniger Verkehr in der Münzgasse und auf dem Deutschordenplatz“, fasst Oberbürgermeister Udo Glatthaar die ersten Eindrücke zusammen. Dies galt auch schon vor dem verschärften Lockdown. „Das stimmt uns optimistisch, dass es nun gelingen kann, den reinen Durchfahrtsverkehr im historischen Stadtkern nicht mehr nur zu verlagern, sondern in diesem Bereich nachhaltig zu reduzieren.“

Davon unabhängig wurde zuletzt in der Stadt viel über die Auswirkungen der Verkehrsregelungen auf den Einzelhandel diskutiert. In diesem Zusammenhang weist OB Udo Glatthaar öffentliche Vorwürfe von einzelnen Geschäftsleuten zurück, wonach in Folge der drei gemeinsamen Informations- und Diskussionstermine „so gut wie kein Vorschlag berücksichtigt“ worden sei. Es habe im Gegenteil viel Lob für das transparente Vorgehen gegeben. „Es war Verwaltung, Gemeinderat und mir persönlich von Beginn ein wichtiges, ja: zentrales Anliegen, dass Handel und Gastronomie mit den Neuregelungen gestärkt und nicht geschwächt werden“, sagt dazu der OB. „Es geht um die Attraktivität der historischen Altstadt und die Lösung eines immer dringlicher gewordenen Problems.“

Und führt weiter aus: „Wir hätten es uns ganz einfach machen und den Deutschordenplatz sofort dauerhaft sperren können, so wie wir es bei Großveranstaltungen und Märkten immer wieder temporär tun. Aber das Ziel, wonach alle Innenstadtbereiche nach wie vor mit dem Auto erreichbar bleiben sollen, hat uns geleitet – und ich halte daran auch weiterhin fest. Wer die Innenstadt mit dem Auto besucht und dort ein Ziel anfährt, hat aktuell kaum Einschränkungen im Vergleich zur Situation vor den Testphasen.“  

Manche Effekte werden aus Sicht der Stadt auch erst in den wärmeren Frühjahrsmonaten und vor allem nach dem Ende der Pandemie voll zum Tragen kommen. Dazu gehört neben der Aufwertung des Gänsmarkts beispielsweise die gestiegene Aufenthaltsqualität für Kunden und Passanten oder für die Gäste der Außengastronomie rund um den Deutschordenplatz.

Abschließend gibt die Stadt noch eine Einschätzung zur Situation in der Holzapfelgasse, wo es vergleichsweise viele Anwohner-Beschwerden gab. Zwar hat der Verkehr dort nach bisherigen Überprüfungen nicht signifikant zugenommen, die Anwohner wünschen sich jedoch eine noch stärkere Beruhigung und beklagen, dass die vorgegebene Schrittgeschwindigkeit nicht eingehalten wird. Die Stadt hat die Situation auch in der Holzapfelgasse weiter im Blick, die Einhaltung der zulässigen Geschwindigkeit wurde zuletzt im Dezember kontrolliert, als das Ordnungsamt hier mit einem mobilen „Blitzer“ präsent war. Die verschärften Kontrollen werden fortgesetzt.

Mit Blick auf die nähere Zukunft bestätigt der Oberbürgermeister, dass auch die über die historische Altstadt hausgehenden Verkehrsthemen weiter bearbeitet werden und hier vor allem das Herrenwiesengebiet und das „Dreieck um den Stadtgarten“ sobald wie möglich mit auf der Tagesordnung stehen.